Die Filme des Jahres 2025

Eine subjektive Auswahl

Grafik mit dem Text '2025 Die Filme des Jahres'

(Bild: Roger Weil – Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Vor einem Jahr schrieb ich an dieser Stelle: „2024 war ein tolles Kinojahr. Ich kann mich an kein Jahr erinnern, in dem so viele herausragende Kinofilme erschienen sind.“ Mittlerweile ist mir aber doch noch ein weiteres herausragendes Kinojahr gegenwärtig. Es ist das Jahr 2025. Dieses Filmjahr war tatsächlich noch besser als das vorherige.

Das sieht man auch daran, was für Filme es nicht in mein persönliches Top-20-Ranking geschafft haben:

  • „The Brutalist“ von Brady Corbet
  • „Sentimental Value“ von Joachim Trier
  • „After The Hunt” von Luca Guadagnino
  • „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski
  • „Träume“ von Dag Johan Haugerud

Das sind fünf wirklich gute Filme. Aber nicht gut genug für meine Top 20.

Auch diese von vielen Kritiker*innen als stark bewertete Filme sind nicht in meinen Top 20:

  • „The Ugly Stepsister“ von Emilie Blichfeldt
  • „Blood & Sinners“ von Ryan Coogler
  • „Mickey 17“ von Bong Joon-ho
  • „The Secret Agent“ von Kleber Mendonça
  • „Flow“ von Gints Zilbalodis

Diese fünf Filme können nicht in meinem Ranking auftauchen, weil ich sie im vergangenen Jahr nicht gesehen habe. Ich hätte sie gerne gesehen, aber ich habe sie verpasst.

Apropos „verpasst“: Knapp verpasst haben die Aufnahme in meine Top 20 Filme die folgenden Werke, die hier aber eine ehrenvolle Erwähnung als Meisterwerke der Herzen erhalten sollen:

  • „Dead of Winter“ von Brian Kirk
  • „Rote Sterne überm Feld“ von Laura Laabs
  • „Vermiglio“ von Maura Delpero
  • „Irkalla: Dreams of Gilgamesh“ von Mohamed Al Daradji
  • „Honey Don’t!“ von Ethan Coen

Insgesamt konnte ich im abgelaufenen Jahr 110 Filme schauen, ein für mich persönlicher Rekord (die Kinoflatrate Cinfinity macht es möglich). Von diesen Filmen habe ich 105 in wirklichen Kinos gesehen und 5 in der Zweitverwertung von Streaminganbietern. Nicht alle der 110 Filme waren aktuelle Werke, es gab darunter auch einige retrospektive Filme.

Für mein Top-20-Ranking habe ich aber nur die im letzten Jahr neu veröffentlichten Filme berücksichtigt. Sie sind meine Filme des Jahres 2025. Let’s go!

 

Platz 20:
„The Mastermind“ von Kelly Reichardt
Die Story: Neuengland in den 1970er Jahren: Der arbeitslose Tischler JB Mooney, der unter Druck von Ehefrau und Schwiegervater steht, mal endlich wieder Geld für den Unterhalt seiner Familie beizutragen, plant als „Mastermind“ den Diebstahl von vier Gemälden aus einem Museum. Dafür heuert er drei Ganoven an. Der Coup scheint zunächst zu gelingen, doch die Flucht und das Verstecken der Beute bereiten ihm und seinen Kumpanen ungeahnte Schwierigkeiten.
Meine Sicht: „The Mastermind“ ist so was wie ein Anti-Gangster-Film. Sein Protagonist JB Mooney (überzeugend gespielt von Josh O’Connor) ist ein Einbrecher, der sich selbst als Mastermind eines durchgeführten Coups sieht. Diese Wahrnehmung besitzt JB Mooney allerdings sehr exklusiv, denn er scheint bei seinem verbrecherischen Tun weder besonders klug noch besonders pfiffig zu agieren und um seine Führungsqualitäten steht es auch nicht so gut. Die US-amerikanische Indie-Regisseurin Kelly Reichardt erzählt mit ruhigen Bildern die Geschichte eines Scheiterns – nicht nur des Protagonisten, sondern auch des amerikanischen Traums in einem niedergehenden Richard-Nixon-Amerika.

Trailer von „The Mastermind“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 19:
„Beginnings“ von Jeanette Nordahl
Die Story: Ane und Thomas, ein Ehepaar, haben sich auseinandergelebt und befinden sich im Trennungsprozess, ohne allerdings bisher ihre beiden Töchter darüber informiert zu haben. Dann ereilt die Familie ein Schicksalsschlag, der sie zwingt ihr Leben neu auszurichten.
Meine Sicht: Würde Ingmar Bergman heute noch Filme drehen, Trine Dyrholm wäre seine Hauptdarstellerin. Niemand spielt leidenschaftlich leidende Ehefrauen so eindringlich wie diese großartige dänische Schauspielerin. Man will ihr ewig zuschauen. Sie macht durch ihr Spiel der Ane diesen eigentlich kleinen Film zu einem großen.

Trailer von „Beginnings“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 18:
„If I Had Legs I’d Kick You“ von Mary Bronstein
Die Story: Linda arbeitet als Therapeutin, ist Ehefrau und Mutter und versucht, Beruf und Familie zu jonglieren, während ihr Ehemann größtenteils abwesend bleibt. Als in ihrer Wohnung plötzlich ein großes Loch in der Decke entsteht und das Zuhause unbewohnbar wird, zieht sie mit ihrer kranken kleinen Tochter in ein heruntergekommenes Motel. Die dadurch auftretenden Probleme überfordern sie zusehends.
Meine Sicht: Rose Byrne spielt in diesem intensiven Film eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs in brillanter Manier und hat dafür zurecht den Schauspielpreis der letzten Berlinale erhalten. „If I Had Legs I’d Kick You“ ist eine surreale Komödie mit bitterem Beigeschmack und besticht auch durch eine kreative Kameraarbeit.

Trailer von „If I Had Legs I’d Kick You“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 17:
„Ein einfacher Unfall“ von Jafar Panahi
Die Story: Vahid, ein Automechaniker und ehemaliger politischer Gefangener aus dem Iran, begegnet eines Nachts einem Autofahrer, dessen Wagen eine Panne hat. Vahid meint, im Gangbild und im Geräusch der Beinprothese einen Folterer wiederzuerkennen, der ihm im Gefängnis schweres Leid zugefügt hat. Vahid sucht hier nach Gewissheit und konfrontiert den vermutlichen Folterer mit anderen politischen Gefangenen aus seiner Haftzeit.
Meine Sicht: „Ein einfacher Unfall“ hat im letzten Jahr die Goldenen Palme der Filmfestspiele in Cannes gewonnen. Wenn man den Film gesehen hat, weiß man warum. Der sympathische und mutige iranische Regiemeister Jafar Panahi zeigt uns mit Vahid einen Mann im Spannungsfeld von Traumabewältigung, Vergeltungswunsch und Menschlichkeit. Der Film verhandelt indirekt die großen Fragen unserer Zeit und wird damit auch zu einem eminent politischen Film.

Trailer von „Ein einfacher Unfall“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 16:
„Dann passiert das Leben“ von Neele Leana Vollmar
Die Story: In der eingefahrenen 35-jährigen Ehe von Rita und Hans bahnt sich eine Veränderung an: bei Hans steht der berufliche Ruhestand an. Die Freude bei Rita darüber ist sehr begrenzt. Dann passiert ein Verkehrsunfall und alles wird plötzlich ganz anders.
Meine Sicht: Ulrich Tukur als Hans und Anke Engelke als Rita zeigen in diesem Film, was sie können – und das ist sehr, sehr viel. Großes Schauspielkino.

Trailer von „Dann passiert das Leben“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 15:
„Poison – Eine Liebesgeschichte“ von Désirée Nosbusch
Die Story: Edith und Lucas, einst verheiratet, treffen sich nach einem langen Kontaktabbruch am Grab ihres gemeinsamen Sohnes. Anlass ist die Nachricht, dass das Grab möglicherweise verlegt werden muss, weil im Boden Giftstoffe entdeckt wurden. Während sie auf den Friedhofsverwalter warten, brechen alte Vorwürfe, unausgesprochene Schuldgefühle und unterschiedliche Strategien im Umgang mit der Trauer auf.
Meine Sicht: Nochmal Trine Dyrholm. Sie spielt die trauernde Edith herausragend. An ihrer Seite ragt mit ihr Tim Roth als Lucas heraus. Mit „Poison – Eine Liebesgeschichte“ hat die Regiedebütantin Désirée Nosbusch das vielgespielte Theaterstück „Gift – Eine Ehegeschichte“ der niederländischen Dramatikerin Lot Vekemans kongenial in das Medium Film übersetzt. Großes Schauspielkino und großes Regiekino.

Trailer von „Poison – Eine Liebesgeschichte“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 14:
„Rosemead“ von Eric Lin
Die Story: Die verwitwete Sino-Amerikanerin Irene Chao lebt mit ihrem Teenager-Sohn in der kalifornischen Kleinstadt Rosemead. Der Sohn entwickelt zunehmend obsessive, bedrohliche, gewalttätige Fantasien. Als die Obsessionen eskalieren, muss Irene Chao über sich hinauswachsen.
Meine Sicht: Lucy Liu, die man im Kino bisher hauptsächlich als Kung-Fu-Fighterin wahrgenommen hat, beeindruckt hier in der großen Charakter-Rolle der Mutter Irene Chao. Lucy Liu begeisterte auch die Kinozuschauer*innen der Piazza Grande in Locarno, die den von Liu mitproduzierten Film zum Publikumsliebling voteten.

Trailer von „Rosemead“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 13:
„A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow
Die Story: Eine unbekannte Rakete ist auf dem Weg in die USA und wird wahrscheinlich in Chicago einschlagen. Die Handlung des Films konzentriert sich auf die 18 Minuten nach dem Alarm über eine anfliegende Rakete: die US‑Regierung, militärische Kommandozentralen und der Präsident ringen simultan um Informationen und Reaktionsoptionen.
Meine Sicht: Im Jahr 2025 liefen in den deutschen Kinos jede Menge Horrorfilme. Doch keiner der Filme erschreckte so stark wie der nicht zum Horror-Genre zählende Film „A House of Dynamite“. Die Regisseurin Kathryn Bigelow zeigt uns ein realistisches Szenario, wie die Menschheit in einen atomaren Weltkrieg hineingleitet. Wir sehen absoluten Profis bei der Arbeit zu, keiner der gezeigten Menschen macht einen gravierenden Fehler, alle halten sich diszipliniert an die vorgegebenen detaillierten Ablaufpläne, keiner wirkt überfordert, keiner will einen Krieg, keiner ist böse, und dennoch … Das ist das wirklich Erschreckende.

Trailer von „A House of Dynamite“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 12:
„Night Always Comes“ von Benjamin Caron
Die Story: Die junge Frau Lynette lebt mit ihrer Mutter Doreen und ihrem geistig behinderten Bruder Kenny in einem kleinen Mietshaus. Als der Vermieter das Haus verkaufen will und der Familie ein scheinbar günstiges Kaufangebot macht, wird das angesparte Geld durch die Mutter verschwendet. Lynette bleibt nur eine Nacht, um die fehlende Summe aufzutreiben und die drohende Zwangsräumung abzuwenden.
Meine Sicht: Der Regisseur Benjamin Carron liefert mit „Night Always Comes“ einen überzeugenden Sozialthriller ab. Vanessa Kirby, eine lange Zeit zu unrecht unterschätzte Schaupielerin, brilliert in der Rolle der Lynette, die verzweifelt durch die Nacht fährt – von einem gefährlichen Ort zum anderen. Wir Zuschauer*innen bleibe dabei ganz nah an Lynette dran und fiebern mit ihr mit, angetrieben von dem Wunsch, dass Sie das überlebensnotwendige Geld irgendwie organisieren wird.

Trailer von „Night Always Comes“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 11:
„Sirât“ von Oliver Laxe
Die Story: Luis und sein minderjähriger Sohn Esteban treffen auf einem abgelegenen Open-Air-Rave in Südmarokko ein, weil sie hoffen, dort die verschwundene Tochter bzw. Schwester Mar zu finden. Niemand scheint Mar gesehen zu haben. Als die Party aufgelöst wird, schließen sich Luis und Esteban einer Gruppe von Ravern an, die sich auf den Weg zu einem anderen Rave irgendwo in der Wüste begeben.
Meine Sicht: Menschen versuchen duch Vergnügen einem Weltkrieg zu entfliehen, das zeigt der Film. Nicht vor allem kann man fliehen, das zeigt der Film auch. Der Film zieht dich mit seinem körperlichen Sound und seinen hypnotischen Bildern in Ereignisse hinein, die nur schwer auszuhalten sind. Das macht dieses Werk zu einem unvergesslichen Kinoerlebnis.

Trailer von „Sirât“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 10:
„Companion – Die perfekte Begleitung“ von Drew Hancock
Die Story: Iris und Josh, ein junges Paar, fahren für ein Wochenende zu Josh’ Freunden in ein abgelegenes Anwesen am See. Die jungen Leute genießen zusammen eine entspannte Urlaubszeit, doch schon bald treten Spannungen innerhalb der Freundesgruppe auf und Iris scheint nicht die zu sein, als die sie sich ausgibt.
Meine Sicht: Über diesen Film nur soviel: er ist spannend, schwarzhumorig und actionreich. Wer bei „Get Out“ von Jordan Peele seinen Spaß hatte, wird diesen Film ebenfalls mögen. Mehr über „Companion – Die perfekte Begleitung“ zu schreiben, würde bedeuten zu spoilern, wie es leider die meisten Rezensent*innen zu diesem Film getan haben.

Trailer von „Companion – Die perfekte Begleitung“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 9:
„Zwei Staatsanwälte“ von Sergey Loznitsa
Die Story: 1937 in der Sowjetunion werden in einem Provinzgefängnis Tausende Briefe von sich zu Unrecht verfolgten Inhaftierten verbrannt. Doch ein Schreiben erreicht den frisch ernannten idealistischen Staatsanwalt Alexander Kornev, der den Absender im Gefängnis aufsucht und sich seine Geschichte anhört. Kornev gelangt zur Überzeugung, dass die lokalen Behörden den Inhaftierten nicht nur zu Unrecht angeklagt haben, sondern ihn auch noch gefoltert haben. Er fährt nach Moskau zum Generalstaatsanwalt Wyschinski, um ihm von dieser Lage zu berichten.
Meine Sicht: Wie zeigt man den bürokratischen Terror in der stalinistischen Sowjetunion in den 1930ern Jahren, ohne sich in die immer gleichen langweiligen Muster zu verstricken? Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa liefert mit „Zwei Staatsanwälte“ eine meisterhafte Antwort auf diese Herausforderung. Er baut mit ruhigen Bildern, kargen Dialogen und einigen Warteszenen eine allmähliche Spannung auf, die aber während des gesamten Films mit einer ebenfalls wachsenden Bedrückung um die Dominanz im Film ringt. Und seinen Kafka hat Sergei Loznitsa auch gelesen und etwas davon in den Film eingearbeitet. Szenischer Höhepunkt ist das kurze Zusammentreffen der zwei Staatsanwälte. Dabei fällt auf, dass der real existiert habende Generalstaatsanwalt Wyschinski ganz anders (von Anatoli Bely) dargestellt wird, als in der Geschichtsschreibung. In der Geschichtsschreibung erscheint Wyschinski oft als geifernder Dämon, als ein sowjetischer Freisler; im vorliegenden Film als kalter Apparatschik, der sich einen winzigen Hauch von Traurigkeit erlaubt.

Trailer von „Zwei Staatsanwälte“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 8:
„The Change“ von Jan Komasa
Die Story: Eine US-amerikanische Familie der gehobenen Mittelschicht bekommt Zuwachs durch eine Schwiegertochter, die sich als eine ideologische Vordenkerin einer faschistischen Bewegung erweist. Die Familie muss in den folgenden Jahren miterleben, wie sich die USA so massiv verändern, dass die Existenz der Familienmitglieder in höchste Gefahr gerät.
Meine Sicht: Dieser US-amerikanische Film ist sowas von aktuell. Zwar arbeitet er nicht die Ursachen der Faschisierung der amerikanischen Gesellschaft heraus, aber er zeigt eindringlich und bewegend, was die gesellschaftliche Transformation nach rechts mit den Individuen macht. Die beiden Hauptdarsteller Diane Lane und Kyle Chandler bringen durch ihr souverändes und stilsicheres Spiel diesen Film über die Ziellinie.

Trailer von „The Change“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 7:
„1001 Frames“ von Mehrnoush Alia
Die Story: In einem Casting‑Studio treten mehrere Schauspielerinnen und Laiendarstellerinnen nacheinander an, um sich für die Rolle der Scheherazade in einer Verfilmung von Tausendundeine Nacht zu bewerben. Nach und nach wird deutlich, dass der Regisseur mehr im Sinn hat als nur eine Besetzung; die Castingauftritte verwandeln sich in ein Machtspiel, in dem intime Erwartungen, Manipulation und Drohungen sichtbar werden.
Meine Sicht: „1001 Frames“ ist ein mit einer statischen Kamera gefilmter Low-Budget-Film. Wir sehen macheinander die verschiedenen Casting-Auftritte der jungen Frauen, hören den Regisseur nur aus dem Off und werden als Zuschauer*innen immer mehr hineingezogen in dieses fesselnde, bewegende #MeToo-Drama auf Persisch.

Trailer von „1001 Frames“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 6:
„Warfare“ von Alex Garland und Ray Mendoza
Die Story: Eine Spezialeinheit der US‑Navy, die im Irak stationiert ist, bezieht in der Nacht Stellung in einem Haus, um ein Gebiet zu überwachen und im Bedarfsfall Feuerunterstützung zu leisten. Was als routinemäßiger Beobachtungsposten beginnt, kippt schnell: verfrühter Feindkontakt, eine koordinierte Gegenattacke und eine Reihe von Explosionen und Verlusten zwingen die Soldaten in einen verzweifelten Überlebenskampf.
Meine Sicht: An diesem Kriegsfilm ist zunächst interessant, was er alles nicht zeigt. Er zeigt nicht die politischen Hintergründe und Ursachen für den dargestellten Krieg; er beschäftigt sich nicht mit der Kriegsschuldfrage oder damit, ob hier ein Angriffskrieg oder ein Verteidigungskrieg geführt wird; er zeigt nicht das Privatleben der Soldaten außerhalb des Krieges. „Warfare“ beschränkt sich darauf eine militärische Aktion aus der Perspektive der Männer einer kämpfenden Einheit in Echtzeit zu zeigen – ohne ein Davor oder ein Danach. Der Film vermittelt uns durch diese Reduktion extrem nah und schonungslos die Essenz des Krieges: Menschen terrorisieren und töten andere Menschen und werden wiederum von anderen Menschen terrorisiert und getötet – zumeist auf grausamste Art. Das macht „Warfare“ in unserer Zeit zu einem so notwendigen Film, denn er verdeutlicht uns: Krieg darf niemals eine Option für das Austragen von Konflikten sein und alle Menschen sind gut beraten, sich von jeglichen kriegerischen Handlungen so weit wie möglich fernzuhalten.

Trailer von „Warfare“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 5:
„Karla“ von Christina Tournatzés
Die Story: Wir sind in der BRD im Jahre 1962. Karla, ein zwölfjähriges Mädchen, flieht eines Nachts aus dem Elternhaus und sucht die Polizei auf, um Anzeige gegen ihren Vater zu erstatten. Weil sie zunächst kaum Worte für das Erlebte findet, entwickelt sich ein langsamer, behutsamer Prozess, in dem ein älterer Richter sich ihrer annimmt, sie vorbereitet und gemeinsam mit ihr Wege findet, die Anklage zu formulieren.
Meine Sicht: Die Regisseurin Christina Tournatzés nimmt uns mit „Karla“ zurück in eine Zeit in welcher der familiäre sexuelle Missbrauch von Kindern gesellschaftlich tabuisiert war und dadurch die Opfer dieser Verbrechen schutzlos blieben. Ein aufwühlender Film.

Trailer von „Karla“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 4:
„Bugonia“ von Yorgos Lanthimos
Die Story: Michelle Fuller, CEO eines internationalen Pharmaunternehmens, wird von zwei heruntergekommenen Rednecks entführt. Die Rednecks glauben an eine große Verschwörung, in der Außerirdische die Weltherrschaft übernommen haben, sie sehen in Michelle Fuller eine Gesandte dieser Außerirdischen und wollen sie zwingen Kontakt zu ihren angeblichen außerirdischen Befehlshabern aufzunehmen. Ein Kampf um Leben, Tod und die Dinge dazwischen beginnt.
Meine Sicht: Die Filme von Yorgos Lanthimos sind immer etwas ganz Besonderes. Sie schaffen sich ihre eigenen Welten, entziehen sich jeder Genre-Einordnung, sind bunt, schrill, gewaltsam, grotesk und surreal. So auch dieses Werk. „Bugonia“ beschäftigt sich scheinbar mit den Auswirkungen von Verschwörungstheorien. Aber ist das wirklich so? Wer meint, Lanthimos gebe mit seinem Film ein klares Statement zu Verschwörungstheorien ab, der irrt. Schließlich kommt das eindeutige Ende des Films … wieder geirrt. In diesem Film gibt es nichts Eindeutiges. Vielleicht ist das das Statement des Films: Es gibt in dieser Welt nichts Eindeutiges. Aber auch das weiß man nicht. Man weiß nach dem Film wenig, doch man kommt nach dem Film ins Denken. Und zuvor hat man einfach zwei Stunden saugute Unterhaltung, das ist doch auch schon mal was.

Trailer von „Bugonia“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 3:
„Klandestin“ von Angelina Maccarone
Die Story: Die vier Hauptpersonen sind Malik, ein Flüchtling aus Marokko, der in Deutschland Schutz sucht; Richard, ein Künstler, der den jungen Malik in seinem Lieferwagen heimlich über die EU-Grenze und nach Deutschland gebracht hat; Mathilda, eine konservative Politikerin, die sich für Asylverschärfungen einsetzt, aber durch ihre Freundschaft mit Richard sich mit dem Schicksal von Malik befassen muss; Amina, die Assistentin von Mathilda, eine junge Frau mit arabischem Migrationshintergrund. Die Vier treffen im heutigen Frankfurt am Main in unterschiedlichen Zusammenhängen aufeinander und müssen sich einander stellen. Das führt zu gravierenden Konflikten.
Meine Sicht: Der Film blickt aus vier Perspektiven auf die menschlichen Apekte eines „Asylfalls“. Dabei zeigt der Film große Empathie und ein Verständnis für politische Zusammenhänge, was der sehr überzeugenden Regie von Angelina Maccarone, dem spannenden Drehbuch der Regisseurin und auch dem brillanten Spiel der vier Hauptdarsteller Habib Adda als Malik, Lambert Wilson als Richard, Barbara Sukowa als Mathilda und Banafshe Hourmazdi als Amina zu verdanken ist. Es ist schön, die hervorragende Banafshe Hourmazdi nach „Futur Drei“ mal wieder in einer Kino-Hauptrolle zu erleben. Die Schlussszene des Films gehört ihr.

Trailer von „Klandestin“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 2:
„Heldin“ von Petra Biondina Volpe
Die Story: Floria Lind arbeitet auf der chirurgischen Bettenstation eines Schweizer Krankenhauses; sie ist Pflegefachfrau und geht ihren Aufgaben mit großer Sorgfalt und Empathie nach. Im Laufe der Spätschicht spitzt sich die Lage zu: Personalmangel, eine volle Station und ein anspruchsvoller Privatpatient fordern Floria immer stärker. Unerwartete Komplikationen, emotionale Krisen und organisatorische Engpässe laufen bei Floria Lind zusammen. Die Schicht gerät zunehmend außer Kontrolle.
Meine Sicht: Pflegenotstand als Thriller erzählt. An diesem Film stimmt einfach alles: das Schauspiel, die Kamera, das Tempo, die Spannung, der Humor, die Empathie, die Haltung. Unbedingt anschauen!

Trailer von „Heldin“. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Platz 1:
„One Battle After Another“ von Paul Thomas Anderson
Die Story: Die Widerstandsgruppe French 75 befreit auf einen Schlag Hunderte Gefangene, ein Ereignis, das die Beteiligten zu Legenden macht und sie zugleich ins innere oder äußere Exil treibt. Im Zentrum steht der Widerständler Bob Ferguson, der nach der Aktion untertauchte und Jahre später ein zurückgezogenes Leben führt. Die Gegenwart wird von der Suche nach seiner verschwundenen Tochter Willa geprägt; alte Loyalitäten, offene Rechnungen und neue politische Spannungen bringen die Vergangenheit wieder ins Rollen.
Meine Sicht: Auf Platz 1 meiner Jahresbestenliste kann es nur diesen Film geben. Er sprudelt nur so über vor witzigen Handlungsideen, messerscharfen Dialogen und pointierten Figurenzeichnungen. Bemerkenswert ist auch, dass dieser im September 2024 abgedrehte Film einen unheimlich prognosestarken Blick auf die USA unter der zweiten Trump-Präsidentschaft wirft. Und eines ist klar: der Oscar für die beste Nebendarstellung wird in diesem Jahr an Sean Penn gehen – für seine glänzende Darstellung des durch und durch faschistischen Schergen Colonel Lockjaw.

Trailer von „One Battle After Another““. (Eingebettetes YouTube-Video)

 

Meine Top 20 noch einmal im Überblick:

  1. „One Battle After Another“ von Paul Thomas Anderson
  2. „Heldin“ von Petra Biondina Volpe
  3. „Klandestin“ von Angelina Maccarone
  4. „Bugonia“ von Yorgos Lanthimos
  5. „Karla“ von Christina Tournatzés
  6. „Warfare“ von Alex Garland und Ray Mendoza
  7. „1001 Frames“ von Mehrnoush Alia
  8. „The Change“ von Jan Komasa
  9. „Zwei Staatsanwälte“ von Sergey Loznitsa
  10. „Companion – Die perfekte Begleitung“ von Drew Hancock
  11. Sirât“ von Oliver Laxe
  12. „Night Always Comes“ von Benjamin Caron
  13. „A House of Dynamite“ von Kathryn Bigelow
  14. „Rosemead“ von Eric Lin
  15. „Poison – Eine Liebesgeschichte“ von Désirée Nosbusch
  16. „Dann passiert das Leben“ von Neele Leana Vollmar
  17. „Ein einfacher Unfall“ von Jafar Panahi
  18. „If I Had Legs I’d Kick You“ von Mary Bronstein
  19. „Beginnings“ von Jeanette Nordahl
  20. „The Mastermind“ von Kelly Reichardt


Siehe auch:
Die Filme des Jahres 2024
Die Filme des Jahres 2023


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